STELLUNGNAHME
BAJ GANJO UND DIE ANDEREN, DIE ANDEREN UND BAJ GANJO
Univ.-Prof. Dr. Nikola Georgiev
Wir werden versuchen eine der Arten der intertextuellen Prozedur an folgenden literarischen Helden und Werke anzuwenden: Ganjo Balkanski aus der Reihe Erzählungen „Baj Ganjo“, Schwejk aus dem Roman „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk während des Weltkriegs“ von Jaroslav Hasek, ostap Bender aus den Romanen „Zwölf Stühle“ und „Das goldene Kalb“ von Ilija Ilf und Jewgeni Petrov, Tartarin von Tarascon aus dem Roman „Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon“ von Alphonse Daudet und Stantscho Gorolomov aus dem Roman §Die Abenteuer des Gorolomov“ von Jordan Jovkov.
Der Titel stellt Baj Ganjo in den Mittelpunkt, aber das ist nur aus Respekt vor der berühmtesten Figur in der bulgarischen Literatur und Kultur.Die Teilnehmer an der intertextuellen Prozedur sind gleichberechtigt, so dass in unserem Fall Baj Ganjo nur ein primus inter pares ist.
Wir verzichten auf die Idee, dass das literarische Werk eine geschlossene Struktur ist, aber nur bis zu Hälfte. In der dramatischen Zwiespältigkeit der Literatur ist das einzelne Werk sowohl selbständig als auch an anderen Werken gebunden (laut Michail Bachtin`s Hyperbel sind diese Bindungen unendlich). Die Prozedur bezweckt das Hervorrufen neuer Bedeutungen in den einzelnen Werken und, was deutlich schwieriger ist, neue Bedeutungen im intertextuellen Raum.
Als Einführung zum Thema könnte das in unserem Fall sogenannte Literaturonym dienen, das heißt man bestimmt einen Autor durch einen anderen. Zum Beispiel ist Vergilius der römische Homeros, Lermontov ist der russische Byron. Das Literaturonym zeigt die Beziehungen zwischen den Werken und viel mehr die Neigung der Menschen sie zu binden, aber auch das Risiko dieser Bindungen. Soweit sich die einbezogenen Helden unterschiedlich sind, es verbindet sie ein starker und offensichtlicher Charakterzug – jeder von ihnen ist auf seiner Art ein homo viator „ der Mensch unterwegs“. Alle reisen aus unterschiedlichen Anregungen, in ungleicher Weise und mit verschiedenartigen Ergebnissen, vorwiegend erfolglos.
Mit Erfolg oder ohne Erfolg ist jede Reise immer mit irgendwelchen Ereignissen verbunden, äusserliche oder seelische, wie es in der europäischen Literatur ab Odysseus bis heute ist. Jeder der ausgewählten Helden ist ein Held auf Wanderung und Prüfung, und drei der sechs Werke enthalten in ihrem Titel oder Untertitel das Wort „Abenteuer“.
Eine reise kann ruhig sein, kann auch anstrengend oder tragisch sein, aber unsere Helden sind komische Figuren uns schaffen komische Zustände – noch eine Beziehung zwischen ihnen. Schwejk ist parodiert antiheroisch, aber die anderen zeigen sich mehr oder weniger energisch und stark, sowohl physisch als auch psychisch. In „Baj Ganjo“ nennt man das, höhnisch oder nicht, mit dem ausdrucksvollen Balkanwort „BABAITLAK“, in anderen Kulturen mit erhabeneren Wörtern, einschliesslich auch „Ritter“. Einer der Paradoxe der Literaturkritik: nicht ein anderer, sondern Baj Ganjo wird als Ritter bezeichnet (Dimitar Blagoev, Bojan Penev),aber auf jeden Fall ironisch. Ritterliche Charakterzüge sucht man auch bei Ostap Bender. Die Erzählung in Alphonse Daudet`s Roman stellt Tartarin offenherzig als eine Mischung aus Don Quijote und Sancho Panza vor, der polnische Literaturwissenschaftler Mozhejko benannte Stantscho Gorolomov mit dem Literaturonym „der bulgarische Don Quijote“. Alls das ist aber keine Heroik, sondern heroicomica.
Mindestens zwei der ausgesuchten Helden, Schwejk und Baj Ganjo, werden oft als nationale Typen angekündigt, und Tartarin als einer aus Südfrankreich. Das ist noch eine Beziehung zwischen ihnen, aber sie ist äußerst labil und wird heftig abgelehnt. Sehr interessant ist der seitliche Blickwinkel auf Baj Ganjo, dargestellt von Gerhard Gesemann im Artikel „Der problematische Bulgare“ in der Zeitschrift „Slawische Rundschau“ von 1931.
Laut einer Ansicht klaffen Abgründezwischen den einzelnen literarischen Werken. Eine andere Auffassung meint, dass über diesen Klüften Brücken gebaut werden können und müssen, auch dann wenn sie krumm und unsolide sind, wie das der Fall hier ist.
Bulgarisches Kulturinstitut Haus Wittgenstein
Wien, 25.11.2008
o. Univ. Prof. Dr. Heinz MIKLAS an der Uni-Wien, MMag. Borislav Petranov- Direktor des Bulgarischen Kulturinstituts "Haus Wittgenstein" in Wien und Botschaftsrat für Kultur und o. Univ.Prof. Dr. Nikola Georgiev an der Sofioter Universität. Der Herder-Preisträger Prof Dr. Nikola Georgiev referierte vor fachkundigem Publikum über die Intertextuelle Beziehungen zwischen BAJ GANJO, SCHWEJK, OSTAP BENDER, TARTARIN AUS TARASCON und STANTSCHO GOROLOMOV.
