STELLUNGNAHME
19.09.09
"ES GIBT KEINE RASSEN, ES GIBT NUR MENSCHEN ANDERER HAUTFARBE UND ANDERER NATIONALITÄT" - Prof. Rudolf Sarközi
Ich, Rudolf Sarközi, bin am 11. November 1944 im KZ-Lackenbach als erstes Kind von Paula Sarközi und Rudolf Weinrich geboren. Nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen im Burgenland und der Auflösung des KZ-Lackenbach zog ich mit meiner Mutter nach Unterschützen, jenem Ort im südlichen Burgenland aus dem meine Mutter stammt und wo 1946 meine Schwester zur Welt kam.
Zu dieser Zeit trennten sich meine Eltern und meine Mutter wurde zur Alleinerzieherin. Sie arbeitete als Bauhilfsarbeiterin (Mörtelfrau). In Unterschützen besuchte ich die die 8jährige Volksschule. Als Außenseiter der Gesellschaft ("Zigeuner") war es für mich unmöglich einen Lehrplatz zu bekommen. Nach meinem Schulabgang blieb mir nur die Wahl die Tätigkeit des Hilfsarbeiters auszuüben. Ich arbeitete am Hoch- und Tiefbau, sowie als Monteurhelfer bei einer Wasser- und Heizungstechnikfirma.
1964 heiratete ich meine Frau Helga, im selben Jahr wurde unser Sohn Andreas geboren. Die schlechte gesellschaftliche, soziale und wirtschaftliche Lage zwang mich mit meiner Familie meinen Heimatort zu verlassen. Da meine Frau Wienerin ist, war es naheliegend nach Wien zu ziehen.
1964/65 absolvierte ich den Präsenzdienst beim Jägerbataillon 4 in Wien. Über den ordentlichen Präsenzdienst hinaus stand ich dem Österreichischen Bundesheer noch 15 Jahre als Reservist zur Verfügung.
Seit damals lebe ich mit meiner Familie in Wien. Wien wurde zu meinem Lebensmittelpunkt. Ich bekam damals einen Arbeitsplatz bei einer Elektro- und Blitzschutzfirma, bei der ich 16 Jahre beschäftigt war. Ich schaffte es vom einfachen Hilfsarbeiter bis zum technischen Angestellten, ehe diese Firma im Herbst 1980 in Konkurs ging und ich mir einen neuen Arbeitsplatz suchen musste.
Ich wechselte den Beruf und wurde im Jänner 1981 bei der Gemeinde Wien MA 48 als Kraftfahrer im städtischen Fuhrpark aufgenommen. Der Aufgabenbereich war sehr vielseitig. Die Arbeit die ich ausübte ging vom Fahren mit der Kehrmaschine, Schneeräumfahrzeug bis zum Müllsammelfahrzeug. Innerbetrieblich gehörte ich 8 Jahre dem Dienststellenauschuss des Betriebsrates an. Nach 8jähriger Tätigkeit im Dienststellenauschuss musste ich diese Tätigkeit aufgrund neuer Aufgaben beenden. Das Verfahren zur Anerkennung der Roma und Sinti als österreichische Volksgruppe, dass ich einleitete und das von mir ausging, verlangte den vollen persönlichen Einsatz. Dass wir Roma und Sinti die rechtliche Gleichstellung wie die anderen fünf Volksgruppen haben wäre ohne meinen enormen Einsatz nicht möglich gewesen. Von meinem Beruf als Kraftfahrer bin ich seit dem 20. Juli 1997 im Interesse der Öffentlichkeit karenziert.
Mit 1. Dezember 2005 bin ich in den Ruhestand getreten.
Am 3. Juni 1996 wurde das Roma- Doku, wie wir es in Kurzform nennen, von BP Dr. Thomas Klestil, im Beisein des damaligen Bundeskanzler Dr. Franz Vranitzky und dem Wiener Bürgermeister Dr. Michael Häupl seiner Bestimmung übergeben.
Dieses Roma- Doku wird von mir geleitet und wurde zur Informations-, Dokumentations- und Begegnungsstätte mit der eigenen Volksgruppe, der Mehrheitsbevölkerung und jedem Interessierten. In meiner Funktion als Vorsitzender des Volksgruppenbeirates der Roma, die ich seit 1995 ausübe, fallen unter anderem Aufgaben wie z.B. die Vorbereitung und Teilnahme an nationalen und internationalen und Kongress, Beratungen von Volksgruppenangehörigen, sowie Beratung in Fragen bezüglich der Volksgruppe bei Bundesregierung und Landesregierungen, als Vortragender in Schulen und öffentlichen Instituten wie: Universitäten, AK, ÖGB, Kirche, Exekutive, Volkshilfe und Beamten die mit Asylrecht und Staatsbürgerschaft von Zuwanderern, vorwiegend in Wien, aber auch im gesamten Bundesgebiet befasst sind. Zusammenarbeit mit MD- Wien und der Wiener Polizei bei der Suche nach geeigneten Stellplätzen in den Sommermonaten für Roma die aus ganz Europa als Camper nach Wien kommen. Ein großer Teil dieses Personenkreises und Institutionen besuchen zur weiteren Information und Schulung unser Roma-Doku.
Seit 1994 erscheint viermal jährlich die Informationszeitung ROMANO KIPO (Roma Bild), für die ich als Herausgeber verantwortlich bin. All diese Maßnahmen und Aufgaben sind für ein besseres Verständnis und für eine vorurteilsfreie Begegnung mit meiner Volksgruppe erforderlich. Seit der Gründung des Kulturverein österreichischer Roma am 20. Juni 1991, dem ich als Obmann vorstehe, und seit der Anerkennung als Volksgruppe am 16. Dezember 1993, wurden wesentliche Erfolger erzielt. Österreich ist das einzige Land in Europa das uns Roma und Sinti die gleichen Rechte einräumt wie den anderen anerkannten Volksgruppen dieses Landes.
Einen breiten Raum meiner Arbeit nimmt die Errichtung und Erhaltung von Gedenkstätten, Mahnmalen, wie Errichtung der ständigen Ausstellung im Staatischen Museum Auschwitz. Am 24. November 1996 proklamierte der International Council of Remembrance of Extermination of the Romes (Internationaler Rat zum Gedenken der Vernichtung der Roma) in Auschwitz-Birkenau, den 2. August als Gedenktag an die Vernichtung der Roma zu begehen. Seit 1997 nehme ich an der alljährlichen Gedenkstunde teil. Ich bin Mitglied des Rates.
Einen wesentlichen Beitrag leistete ich für das Zustandekommen der ständigen Ausstellung zum "NS-VÖLKERMORD AN DEN ROMA UND SINTI" im Staatlichen Museum Auschwitz, die am 02. August 2001 der Öffentlichkeit übergeben wurde.
Seit 1990 findet alljährlich im November in Lackenbach, vor dem Mahnmal für Roma und Sinti, eine Gedenkkundgebung statt. In Mauthausen wurde durch meine Initiative, 49 Jahre nach der Befreiung des KZ-Mauthausen, am 27. April 1994 die erste Gedenktafel für Roma und Sinti angebracht. Zur selben Zeit begann ich mit dem Zentralrat Deutscher Sinti und Roma mit der Planung und Errichtung des Mahnmales in Mauthausen, welches am 09. Mai 1998 enthüllt wurde. An den Gedenkstunden vor diesen Mahnmalen und Gedenktafeln nehmen die Spitzenpolitiker unseres Landes (Bundeskanzler, Minister, Landeshauptleute) als Gedenkredner teil.
Seit April 2002 findet alljährlich vor dem Mahnmal für Roma und Sinti in der Stadt Salzburg, Ignaz Rieder Kai 21, welches im Dezember 1985 enthüllt wurde, eine Gedenkkundgebung mit Kranzniederlegung statt.
Durch das Attentat in Oberwart musste ich mehr als mir lieb war meine Volksgruppe in der Öffentlichkeit präsentieren. Gerade diese Aufgabe verlangte von mir sehr viel Fingerspitzengefühl um nicht in den Trubel der Verleumdungen und Unwahrheiten hineingezogen zu werden. Für das Benefizkonzert am 06. März 1995, "STIMMEN GEGEN HASS UND GEWALT", das anlässlich des Attentats von Oberwart in der Wiener Stadthalle veranstaltet wurde und enormes öffentliches Interesse erweckte, kam die Initiative von mir. Der Reinerlös wurde den Hinterbliebenen des Attentats übergeben.
Nach diesem furchtbarem Attentat gründete ich im Juni 1995 den Roma- Bildungsfonds, dem ich als Kurator vorstehe und dessen Sitz in Wien ist. Die Tätigkeit des Fonds erstreckt sich über das gesamte Bundesgebiet. Er leistet finanzielle Hilfe bei der Ausbildung und Weiterbildung eines Kindes oder Jugendlichen, sowie der Erwachsenenbildung von Roma.
Vor einigen Jahren hatten wir in der Roma- Siedlung von Oberwart und Umgebung überwiegend Sonderschüler. Heute gibt es keinen einzigen - es gibt bereits Kinder die eine höhere berufsbildende Schule besuchen. Auch bei den Erwachsenen wurde durch Fortbildungsmaßnahmen und Schulungen in Verbindung mit der öffentlichen Hand bessere Berufsbedingungen geschaffen. Ich bin überzeugt, mit meiner Tätigkeit einen wesentlichen Beitrag zur Verbesserung der sozialen Lage, zum Mehrverständnis und für eine vorurteilsfreie Begegnung für meine Volksgruppe der Roma und Sinti zu leisten. Der Erfolg ist durch die finanzielle Hilfe sichtbar. Dank des Roma- Fonds gibt es keine Sonderschüler, es gibt Abschlüsse als Facharbeiter und als HAK- Absolventen. Aber auch im zweiten Bildungsweg der Erwachsenen konnte der Roma- Fonds mit seiner Unterstützung positiv Einwirken.
Die Geschichte der Roma nach 1945 ist nicht erforscht. Hier habe ich mit dem damaligen Wissenschaftsminister Dr. Caspar Einem einen Forschungsauftrag initiiert, die von den Historikern Dr. Gerhard Baumgartner und Doz. Dr. Florian Freund durchgeführt und im Jahr 2002 abgeschlossen wurde. Gleichzeitig arbeiteten und forschten Dr. Gerhard Baumgartner und Doz. Dr. Florian Freund an der Aufarbeitung des Vermögensentzuges, Restitution und Entschädigung der Sinti und Roma in der Historikerkommission, dessen Bericht 312 Seiten umfasst.
Die Arbeit des Forschungsprojekts "NAMENTLICHE ERFASSUNG DER IM NATIONALSOZIALISMUS ERMORDETEN ÖSTERREICHISCHEN ROMA UND SINTI" wurde mit 01. Juli 2003 begonnen und mit 31.12.2007 vorläufig abgeschlossen. Bei neuen Forschungsmaterial wird die Datenbank ergänzt. Die Datenbank befindet sich im Roma-Doku. Wissenschaftliche Leiter: Dr. Mag. Gerhard Baumgartner und Univ-Doz. Dr. Florian Freund.
